Polifemo, mein neuer Freund

Mein erstes Wiedersehen mit der Katzengemeinschaft im Jahr 2003 gestaltete sich zunächst etwas schleppend: Ich war gerade mal 3 Tage in Apulien, wir gingen auf Mitte August zu - und es war bestialisch heiß. Die Nacht davor ist etwas zu lang gewesen (das Wiedersehen mit einigen Vertretern des Homo Sapiens hatte Vorrang gehabt) und ausgerechnet zur Mittagszeit näherte ich mich also der Treppe, die hinunter zu dem kleinen Hafen und gleichzeitig an die Außenseite der alten Stadtmauer führt. Dort entstand auch das erste Katzen-Foto, Gallipoli 2003 (1), denn das Schicksal, oder besser gesagt: die Katzen, meinten es gut mit mir und waren sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres gut abgeschirmten Refugiums sehr aktiv - und das bei der Hitze (normalerweise halten sie es da wie die menschlichen Einwohner Gallipolis und verweilen im Schatten)!

 

Entsprechend motiviert begann ich damit, an der Stadtmauer entlang zu klettern - man muss sich das etwa so vorstellen, dass man nur seitlich im Gänsemarsch "gehen" kann, während man mit Bauch und seitlich abgewandtem Gesicht an der Mauer klebt. Abrutschen gilt nicht, es sei denn, man will im Meer landen. Unzählige Male habe ich diese Hürde überwunden, in den letzten Jahren haben sich nur einige sehr hartnäckige Pflanzen in den Mauerspalten angesiedelt und stark expandiert: wo auf der einen Seite die Wurzeln unerwarteten Halt gaben, waren auf der anderen Seite große Büsche im Weg, um die ich recht abenteuerlich herumklettern musste.

 

Besagte Aktion hatte mich bereits ziemlich geschafft, zumal mein ganzer Organismus noch im Klima-Modus von Nordrhein-Westfalen arbeitete, aber mein geübtes Auge, welches Sekunden zuvor noch hektisch nach Vertiefungen im Mauerwerk suchte, machte bereits diverse Foto-Motive aus. Denn es war zwar Mittagszeit, aber ich hatte ganz vergessen, dass just zu dieser Stunde das alte Mütterchen, welches oben an der Straße wohnt, die einmal um die Altstadt herumführt, stets die Reste von ihrem Mittagessen herabwirft. So schlug nur knapp neben mir eine Tüte mit Spaghetti-Resten auf, dicht gefolgt von einigen gegrillten Fischen.

 

Ich ließ die immer  weiter ansteigende Zahl der Katzen erst mal in Ruhe fressen, hielt mich aber in der Nähe auf, weil ich noch zu gut in Erinnerung hatte, wie schnell sie mit vollem Magen auch wieder in den Büschen oder in dem Labyrinth unter den Felsen verschwinden können. Während ich  dort also im Schweiße meines Angesichts saß, spürte ich eine zarte Berührung an meiner Wade, von einem feuchten Näschen und einigen wenigen Schnurrhaaren. Ich konnte es kaum glauben, denn in all den Jahren hatte es an dieser speziellen Stelle noch keine der Katzen gewagt, auf Körperkontakt zu gehen. Es gab immer wieder mehr oder weniger mutige Kandidaten - das war aber auch schon alles. Als ich dann herabschaute, war ich sogar noch mehr überrascht: Ein kleiner, schwarzer einäugiger Kater fing erst zögernd, dann immer lauter an zu schnurren, so als müsse er es zunächst üben! In den folgenden Minuten ließ er sich dann nach allen Regeln der Kunst kraulen, was für mich eine gute Gelegenheit war, erste Fotos zu schießen (ich näherte mich allen Ernstes einem Hitzschlag) und ihn zu inspizieren: Die leere Augenhöhle war zwar leicht verdreckt, aber nicht entzündet - sein Fell sehr schön und glänzend. Auch schien er ganz gut ernährt zu sein. Ich habe ihn Polifemo getauft -trotz seines ausgesprochen sanften Gemüts- und noch ein ganzes Weilchen beobachtet, bis mir dann endgültig aufgefallen ist, dass ich zu lange in der Sonne war. So endete mein erster Tag bei "meinen" Katzen von Alt-Gallipoli sowohl mit einem freudigen Hochgefühl als auch mit pochenden Kopfschmerzen.

 

 

 

Wenn Du einmal ihr Vertrauen erworben hast, ist die Katze ein Freund fürs Leben. Sie teilt mit Dir Stunden der Arbeit, der Einsamkeit und Melancholie und verbringt ganze Abende auf Deinem Schoß, glücklich bei Dir zu sein und Dich der Gemeinschaft der Artgenossen vorzuziehen.

 

Théophile Gautier

 


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